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Pressemitteilung vom 9.11.2015

Bildungskongress des Landkreistags Baden-Württemberg "Berufliche Bildung - ein Erfolgsmodell mit Zukunft" Präsident Landrat Walter: "Klares Bekenntnis zu den Beruflichen Schulen - Kein Aufbau von Doppelstrukturen!"

Stuttgart. „Wir bilden an unseren Beruflichen Schulen den Fachkräftenachwuchs von morgen aus. Von diesen – nicht nur von Akademikern – hängt der künftige Wohlstand unseres Landes maßgeblich ab. Deshalb gilt es, die Beruflichen Schulen zu stärken und sie keinesfalls zugunsten anderer

Schularten zu schwächen!“, forderte der Präsident des Landkreistags Baden-Württemberg, Landrat Joachim Walter (Tübingen), heute beim Bildungskongress des Landkreistags „Berufliche Bildung – ein Erfolgsmodell mit Zukunft“ in Stuttgart.

Rund 200 Verantwortliche aus Politik und Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft, Kammern und Verbänden, Gewerkschaften und Schulen waren der Einladung des Landkreistags in die Sparkassenakademie gefolgt, um über die Zukunft der Beruflichen Bildung zu diskutieren.

Auch Kultusminister Andreas Stoch MdL sprach im Rahmen des Kongresses über die Herausforderungen des beruflichen Schulsystems aus Sicht der Landesregierung. Prof. Dr. Ulrich Trautwein, Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, Universität Tübingen, stellte mit seinem wissenschaftlichen Beitrag zur Fragestellung „Berufliches Gymnasium – Erfolgsgarant oder Auslaufmodell?“ eindrucksvoll die Erfolgsgeschichte der beruflichen Gymnasien dar und beleuchtete auch die Konkurrenzsituation zu den Gemeinschaftsschulen. In seiner Grundsatzrede stellte der Präsident des Verbands der 35 baden-württembergischen Landkreise das bildungspolitische Forderungspapier des Landkreistags zur Zukunft des beruflichen Schulwesens vor.

Einführung der Sekundarstufe II an Gemeinschaftsschulen / G8/G9
Walter äußerte sich besorgt bezüglich der Einführung der Sekundarstufe II an Gemeinschaftsschulen. „Wir sehen die Gefahr einer Konkurrenzsituation zwischen der Sekundarstufe II an Gemeinschaftsschulen und den Beruflichen Schulen – insbesondere den beruflichen Gymnasien. Diese bieten bereits den neunjährigen Weg zum Abitur“, so der Landkreistagspräsident. Laut gesetzlicher Vorgabe müsse die Gemeinschaftsschule für die Einrichtung einer Sekundarstufe II eine Mindestschülerzahl von 60 prognostizieren. „Bei Erstellung der Prognose zur Ermittlung dieser Mindestschülerzahl muss die Gemeinschaftsschule wie alle anderen Schularten behandelt werden und darf hier keinen Vorrang genießen!“, forderte Präsident Walter. Gerade die Frage, von welcher Schulart die Schüler stammen, die eine Sekundarstufe II an Gemeinschaftsschulen füllen sollen, würde dabei die entscheidende Rolle spielen. „Wenn Realschüler – die klassischen Schüler der beruflichen Gymnasien – in die Sekundarstufe II der Gemeinschaftsschulen umgeleitet werden, bauen wir unnötige und kostenintensive Doppelstrukturen auf“, so Walter weiter. Die Beruflichen Schulen wurden zuletzt um 150 Eingangsklassen aufgestockt. Die Schaffung von Parallelstrukturen im allgemein bildenden Bereich würde diesen gesellschafts- und wirtschaftspolitisch notwendigen Ausbau wieder konterkarieren.

Statt Konkurrenzen müssten vielmehr Kooperationen gerade zwischen Gemeinschaftsschulen und Beruflichen Schulen das Ziel sein. „So kann Gemeinschaftsschülern frühzeitig die Angebotspallette der Beruflichen Schulen vermittelt werden. Wir erwarten daher einen klaren Impuls in Richtung entsprechender Kooperationen seitens des Kultusministeriums!“ so der Landkreistagspräsident. „Denn bekanntermaßen kümmern sich insbesondere die Beruflichen Schulen um die Schülergruppen, die wir als Abgänger von der Gemeinschaftsschule Sekundarstufe I erwarten. Gerade für Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss bieten die Beruflichen Schulen die Möglichkeit, nach der Sekundarstufe I zur Erlangung der Hochschulreife an ein berufliches Gymnasium zu wechseln oder den Weg einer dualen Ausbildung zu gehen“, so Walter weiter.

Gleichzeitig machte er deutlich, dass sich die Beruflichen Schulen nicht allein auf ihren attraktiven Bildungsangeboten ausruhen dürften, auch dort müsste im Rahmen der genannten Kooperationen eine weitergehende Öffnung zugunsten der Gemeinschaftsschüler stattfinden. „Die Beruflichen Schulen müssen im Verlauf der anstehenden Bildungsplanreform ihre Bildungspläne entsprechend anpassen und sich damit so aufstellen, dass ein optimaler Übergang von Gemeinschaftsschulen stattfinden kann!“, betonte Walter

„Der Aufbau einer Sekundarstufe II an einer Gemeinschaftsschule darf schließlich nur dann zugelassen werden, wenn kein entsprechender Bildungsabschluss – an allgemein bildenden oder beruflichen Gymnasien – in zumutbarer Erreichbarkeit angeboten wird“, forderte Präsident Walter.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um G8/G9 begrüßte der Landkreistagspräsident die letztlich klare Aussage der Landesregierung, wonach kein weiterer G9-Ausbau stattfinden werde. „Hier darf es auch kein Zurück mehr geben, schließlich verfügen die beruflichen Gymnasien bereits über ein ausdifferenziertes System an unterschiedlichen Profilen, sie sind der Bildungsgang mit dem 9-jährigen Weg zum Abitur.“

Regionale Schulentwicklung
Präsident Walter begrüßte grundsätzlich den Ansatz einer zielgerichteten Schulentwicklungsplanung. „Wir brauchen ein transparentes Verfahren, um ein attraktives und den Bedürfnissen angepasstes Bildungsangebot flächendeckend im ganzen Land erhalten zu können.“ Die Landkreise als Schulträger hätten in den vergangenen Jahren erhebliche finanzielle Anstrengungen zur Ausstattung der Beruflichen Schulen unternommen und umfangreich in Schulgebäude und Anlagen investiert. „Die Schulträger müssen jetzt in die Lage versetzt werden, auch weiterhin langfristige Standort- und Investitionsentscheidungen treffen zu können. Hierfür brauchen wir zukunftssichere Entscheidungsgrundlagen!“, so Präsident Walter

„Bei den anstehenden Schulentwicklungsplanungen müssen Standorte sowohl im Ländlichen Raum als auch im Ballungsraum angemessen berücksichtigt werden“, betonte Walter. Dabei gehe es auch um den Erhalt eines wohnortnahen Ausbildungsplatzangebots. Präsident Walter sprach sich für den Erhalt von Kleinklassen mit unter 16 Schülern in der dualen Ausbildung aus. „Hier müssen die Mindestschülerzahlen flexibler gestaltet werden, ansonsten besteht gerade im Ländlichen

Raum die Gefahr, dass Ausbildungsberufe, die ohnehin schon große Nachwuchssorgen haben, wegbrechen“, so Walter. Bei Standortentscheidungen müssten auch die jeweilige Bedarfssituation sowie die regionalen bzw. örtlichen Besonderheiten zwingend berücksichtigt werden. „Auf das Land gesehen müssen wir zu einer ausgewogenen Präsenz von beruflichen Bildungsangeboten kommen. Für „Mangelberufe“ ist im Rahmen einer überregionalen Gesamtplanung ein land- und stadtkreisübergreifender Ausgleich der verbleibenden Angebote zu treffen. Ziel muss der Erhalt eines differenzierten Bildungsangebots in der Fläche sein“, forderte Präsident Walter.

Integration und Ausbildung von Flüchtlingen an Beruflichen Schulen
Bildung sei der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration, stellte der Präsident des Landesverbands der 35 baden-württembergischen Landkreise fest. Walter betonte, dass die Beruflichen Schulen mit ihren VAB-O-Klassen (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/ Beruf mit Schwerpunk Erwerb von Deutschkenntnissen) aktive Integrationsarbeit leisten und die Schüler zielgerichtet auf eine Ausbildung vorbereiten. Er hob hervor, dass ein besonderes Augenmerk auf die Kinder bzw. Jugendlichen zu richten sei, um diesen – zunächst über den Erwerb der deutschen Sprache – eine berufliche Perspektive zu geben. Hierfür seien zunächst ausreichend Lehrkräfte mit der entsprechenden Qualifikation für die Fächer „Deutsch als Fremdsprache“ bzw. „Deutsch als Zweitsprache“ von Landesseite zur Verfügung zu stellen. „Die Beruflichen Schulen halten aufgrund ihrer differenzierten Bildungsgänge gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund ein weitreichendes Angebot zur beruflichen Qualifikation vor!“ unterstrich Walter. Er rief zugleich die Vertreter von Wirtschaft und Handwerk auf, die notwendigen Praktikumsplätze und später auch Ausbildungsplätze für die jugendlichen Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. „Nur über die Verknüpfung mit der Praxis kann im beruflichen System ein erfolgreicher Übergang in Beschäftigung gelingen!“.

1 Anlage
Zukunft des beruflichen Schulwesens – Bildungspolitische Forderungen des Landkreistags Baden-Württemberg